Das harmonische Zusammenleben zwischen Mensch und Natur haben dieses Tal geprägt.

Die Neigung der Bevölkerung zur Subsistenzwirtschaft, gepaart mit Bescheidenheit und Mut, haben in diesem Tal eine einzigartige Kultur mit alten Wurzeln geschaffen.

Das Maira-Tal hatte in seiner Gesamtheit zwar nie eine politische Autonomie. In der Vergangenheit aber waren die Verbindungen zu den Gebieten jenseits des Alpenhauptkamms und über die Wasserscheiden hinweg zu den Nachbartälern stärker als die Verbindungen zur Tiefebene. Daher hat sich in diesen Tälern die autochthone okzitanische Kulturherausgebildet, die sogar eine eigene Sprache - das Okzitanische - ausgebildet hat. Zusätzlich hat es in der Vergangenheit eine Art Synkretismus gegeben, das heißt eine Vermischung mehrerer religiöser Richtungen: Katholizismus, Calvinismus, Volks- und Aberglaube.

Das Maira-Tal gehört zu den piemontesischen Tälern, in denen auch heute noch Okzitanisch - die "linguad d'oc" - gesprochen wird. Einst war sie die Sprache der Troubadoure und der Verfasser von Liebesgedichten, wurde aber auch im Alltag gesprochen. Heute schrumpft die Zahl der Sprecher, aber das Okzitanische lebt weiter in der Dialektsprache (Verständigung der Einheimischen untereinander), in Liedern und in Poesien.

Im ganzen okzitanischen Sprach- und Kulturraum gibt es sehr viele Geschichten und Legenden, die mündlich überliefert wurden. Häufig geschah dies während der Nachtwachen im Winter, wo eine oder mehrere Familien zusammen in der Nähe des Viehs saßen, um sich etwas zu wärmen. Es war nämlich bis weit in das 20. Jahrhundert hinein üblich, mit dem wenigen Vieh, das man besaß, im Winter zusammen zu wohnen, um die Kälte erträglicher zu machen.

Sehr zahlreich sind Legenden, die von seltsamen Kreaturen wie Hexen oder besonders schönen oder hässlichen Frauen handeln, die mit dem Teufel im Bunde sind, und die häufig als Sündenbock für Krankheiten, Hungersnöte oder anderes Unglück herhalten müssen. Die Sarvanòts sind kleine Waldelfen, typischerweise mit rotem Hut, die aufgrund des Verrats durch die Menschen verschwunden sind.

Die religiöse Verehrung der Heiligen, die als Vermittler zwischen Gott und den Menschen galten, grenzte häufig an Aberglaube. Daher gibt es so viele Bildstöcke, Kapellen und Ädikulen, die den Heiligen Sebastian und Rocco, den Beschützern vor der Pest, gewidmet sind.

Auch der Alltag war, von der Geburt bis zum Tod von Ritualen durchsetzt.

Die Taufe wurde noch am Tag der Geburt gefeiert, um die Seele vom Fegefeuer zu befreien, während die Mutter das Haus für 40 Tage nicht verlassen hatte, um nicht von den Sarvanòts geraubt zu werden.

Während der Beerdigung blieben die engen Familienangehörigen des Verstorbenen zu Hause im Bett, und erwarteten die anderen Mitglieder der Gemeinschaftzum Abendessen. Dabei wurde auch ein Teller und die Hausschlüssel für den Verstorbenen hinterlassen. Bei Hochzeiten vollzog man das Ritual der Chabra, wobei die Jugendlichen laute Sperren für das zukünftige Ehepaar errichteten, um die Eheschließung zu verzögern, vor allem wenn die Braut nach der Hochzeit die Gemeinde wechselte.

Man spürt bei den Spaziergängen durch die Dörfer und Wälder noch heute die alten Traditionen.